• Instagram Social Icon
  • Twitter Social Icon
  • Facebook Social Icon

Leseprobe

Heute und … für alle Zeit

1. Kapitel

 

Hannah

 

»Wenn Sie mir bitte folgen wollen?« Freundlich nickte mir die blonde Frau zu, die kaum älter war als ich, aber in ihrem grauen Kostüm bedeutend mehr Seriosität ausstrahlte.

Während ich aufstand, warf ich einen kurzen Blick auf meine verschlissene Jeans, die an den Knien bereits kleine Löcher aufwies und an der auch an anderen Stellen die Haut durch das bedenklich dünne Material schimmerte. Glücklicherweise räumte uns die heutige Mode – oder eine Interpretation davon – ein, dass auch eine Hose, die ihre beste Zeit bereits hinter sich hatte, weiterhin als modern gelten konnte.

Dennoch hatte ich mich für diesen besonderen Termin eigentlich noch umziehen wollen. Sogar ich sah ein, dass ein etwas gediegeneres Auftreten durchaus passend war, wenn man vorhatte, einer Testamentsverlesung beizuwohnen. Aber wir waren zu spät mit der Probe fertig gewesen, weil wir den zweiten Teil der Performance immer noch nicht vollkommen beherrschten und daran gefeilt hatten, bis jede Figur saß.

Die Aufführung sollte bereits in fünf Wochen stattfinden, deshalb hatten die Probentermine äußerste Priorität. Dafür hing mein Rock, den ich heute Morgen für diesen Termin gebügelt hatte, noch an der Kleiderschranktür. Wenn ich mich in dieser gediegenen Kanzlei so umsah, ärgerte mich das ein wenig, und es stellte sich sogar etwas Unbehagen ein. Schnell strich ich meine Bluse glatt, auf der von meinem eilig runtergestürzten Kaffee ein mittelgroßer brauner Fleck prangte. Das war wirklich ganz prima und würde jedem sofort auffallen. Davon, dass ich heute in aller Herrgottsfrühe stundenlang nach dem Bügeleisen gesucht hatte, nur um diesen blöden Rock zu bügeln, den ich nun nicht mal trug, hatte selbstverständlich niemand die geringste Ahnung.

Seufzend folgte ich der Rechtsanwaltsgehilfin den Flur entlang. Wie groß war diese verdammte Kanzlei eigentlich? Es musste doch ein Vermögen gekostet haben, diesen Anwalt zu engagieren, nur um ein Testament aufzusetzen. Das Geld hätte man sicher für sinnvollere Dinge ausgeben können. Zum Beispiel für den Unterhalt des eigenen Kindes.

Nach einer gefühlten Ewigkeit blieb die hübsche Frau endlich stehen, öffnete eine schwere dunkle Holztür und bedeutete mir lächelnd, einzutreten. Kurz nickte ich ihr zu, als ich an ihr vorbeiging, und die Tür schloss sich hinter mir wieder. Ich war beeindruckt von der geschmackvollen Einrichtung und den Ausmaßen, die diese Kanzlei besaß, wenn man bedachte, dass wir uns mitten in New York befanden, wo Platz knapp bemessen und entsprechend teuer war. Kurz ging mir durch den Kopf, dass meine gesamte Wohnung in diesen einen Büroraum gepasst hätte.

Nun war ich hier ganz allein, wartete und wusste nicht so recht, was ich tun sollte. Also sah ich mich ein wenig um. Bodentiefe Fenster rechts von mir ließen genügend Licht herein und boten einen traumhaften Ausblick auf die Skyline. Neugierig ging ich darauf zu und schaute hinaus. Es war atemberaubend und sicher fantastisch, vor dieser Kulisse arbeiten zu dürfen.

Seufzend wandte ich mich um und starrte auf das Bild, das an der Kopfseite des Raumes, direkt über dem modernen Schreibtisch hing. Impressionismus, stellte ich fest. Das war eindeutig ein Chagall. O Gott, ich liebte seine Bilder und hätte sie immer und überall erkannt. Fasziniert betrachtete ich es eine Weile. Ich hatte es schon einmal gesehen, doch leider konnte ich mich nicht an den Titel des Werkes erinnern.

»Marc Chagall, Tempel und Geschichte des Bacchus, von 1961. Es ist eine Lithografie und war das Geschenk eines guten Kunden. Gefällt es Ihnen?«

Erschrocken fuhr ich zusammen. Es war mir entgangen, dass jemand den Raum betreten hatte, so sehr war ich in das Bild versunken gewesen. Mir fiel sofort die angenehm tiefe Stimme des Mannes auf, noch bevor ich ihn richtig ansehen konnte. »Interessant. Ja, ich mag Chagall. Mit Kunst kenne ich mich nicht sonderlich gut aus, aber seine Bilder gefallen mir sehr.« Ach du Scheiße, war das der Anwalt?

Er nickte. »Ja, mir geht es ähnlich.« Dann kam er auf mich zu und hielt mir zur Begrüßung seine Hand entgegen. Lächelnd ergriff ich sie und starrte ihn nur an.

»Forrester. Erst einmal mein herzliches Beileid, Ms. Warren. Ihre Trauer und den Schmerz, den Sie zweifelsfrei empfinden müssen, kann ich gut nachempfinden. Mich selbst betrübt Mr. Warrens Tod sehr. Ihr Vater war ein guter Freund von mir. Eigentlich eher der meines Vaters, aber ich begegnete ihm häufig in den Zeiten, als die beiden sich regelmäßig zum Golfen getroffen haben. Umso mehr freue ich mich, Sie nun persönlich kennenlernen zu dürfen, wenn auch unter derart traurigen Umständen. Bitte setzen Sie sich doch, ich werde mich bemühen, die rechtlichen Punkte schnellstmöglich abzuarbeiten und Sie nicht unnötig zu quälen.« Er deutete auf einen dunklen Ledersessel, auf dem ich mich wortlos niederließ.

Eine Qual war viel eher sein Anblick, wenn auch der positiven Sorte, falls es so etwas überhaupt gab. Doch offensichtlich sorgte er dafür, dass meine Gehirnaktivität leicht eingeschränkt war, weil mir einfach keine passende Erwiderung einfiel.

»In Ordnung, ich bin gespannt«, sagte ich dann vorsichtig, als sich der Nebel in meinem Kopf zu lichten begann.

Er warf mir einen schnellen Blick zu, antwortete aber nicht auf meine Bemerkung. Dieser Mr. Forrester musste mich verwechseln. Anders konnte ich mir seine Worte nicht erklären. Natürlich, mein Name war Warren, aber ziemlich sicher hatte mein Vater niemals von mir erzählt, einfach weil er mich gar nicht gekannt hatte. Immerhin hatte ich diesen Mann seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen, und wir waren seit damals niemals wieder miteinander in Kontakt getreten. Umso mehr hatte es mich verwundert, plötzlich Post von seinem Anwalt zu bekommen. Mehr aus Neugier hatte ich den vorgeschlagenen Termin wahrgenommen, denn ich bezweifelte, dass er mir tatsächlich etwas vererbt hatte, auch wenn das hier dem Wortlaut des Schreibens nach eine Testamentsverlesung werden sollte. Ehrlich gesagt wollte ich von dem Mann, der meine Mutter verlassen hatte, als ich noch ein kleines Kind gewesen war, und sich danach einen Scheiß um uns gekümmert hatte, auch keinen einzigen Cent annehmen. Mit Mom konnte ich über ihn nicht reden. Jede Erwähnung seines Namens ließ sie immer sofort wütend werden und meinen Erzeuger mit allerhand Schimpfwörtern belegen, also hatte ich meine Versuche, etwas über ihn zu erfahren, irgendwann aufgegeben.

Jetzt saß ich hier und dieser Anwalt würde mir vermutlich gleich irgendwas über den Mann erzählen, von dem ich abstammte. Ich wollte, dass mir das gleichgültig sei, doch ein wenig Aufregung verspürte ich dennoch.

Mr. Forrester nahm mir gegenüber Platz, und erst jetzt sah ich den dicken Aktenordner, den er mit hereingebracht hatte und nun vor sich auf den Tisch legte. Stirnrunzelnd fragte ich mich, was darin wohl so alles stand.

Eine Weile blätterte er in den Papieren und ich konnte ihn mir ein wenig näher anschauen. Er hatte perfekt gestylte blonde Haare, war glatt rasiert und besaß ein kantiges Kinn. Ich schätzte ihn auf Mitte dreißig, er war wirklich sehr gut aussehend, groß und nicht einfach nur schlank, sondern, soweit ich das beurteilen konnte, auch äußerst gut gebaut. Seine Augenfarbe konnte ich nicht ausmachen, weil er seinen Blick auf die Unterlagen gesenkt hatte, doch mir fielen die langen dunklen Wimpern auf, die bei jedem Lidschlag beinahe die Haut berührten.

Wie machten die das nur? Diese Büromenschen saßen den ganzen Tag an ihrem Schreibtisch und sahen dennoch so aus, als würden sie nichts anderes tun, als sich in jeder freien Minute in einem Fitnessstudio auszutoben. Ich selbst war zwar auch ganz zufrieden mit meinem Körper, kein Gramm Fett zu viel und Muskeln an den richtigen Stellen, aber dafür schuftete ich tatsächlich jede Woche für viele Stunden im Tanzstudio. Nebenbei schaffte ich es nur, einem Job als Kellnerin nachzugehen. Ganz schön frustrierend das Ganze.

Jetzt las er mit gerunzelter Stirn in den Akten, wobei mir auffiel, dass auch seine Brauen perfekt geformt waren. Neugierig beugte ich mich ein wenig vor. Zupfte er die etwa in die richtige Form, oder hatte dabei lediglich Mutter Natur ihre Hände im Spiel gehabt? Ich tippte auf die zweite Möglichkeit, manche Menschen waren eben vom Glück geküsst. In Gedanken versunken klopfte er mit der Spitze des Zeigefingers gegen seine Unterlippe, und in dem Moment wünschte ich, diejenige zu sein, die von ihm geküsst wurde, denn auch an seinen Lippen war nicht das Geringste auszusetzen. Voll, aber nicht feminin, männlich, aber nicht hart. Ich seufzte tief.

Irritiert hob er den Kopf und sah mich nun fragend an. Seine Augen waren warm und braun. Lieber Himmel, an diesem Mann war wirklich gar nichts durchschnittlich. Wieso schmückte er nicht das Cover der GQ?

»Alles in Ordnung?«, fragte er jetzt.

Schnell nickte ich. »Aber sicher. Lassen Sie sich nicht stören.«

»Verzeihen Sie, ich muss nur kurz die Unterlagen durchsehen.«

Ich hob abwehrend meine Hand. »Machen Sie ruhig.« So kann ich dich noch ein wenig anstarren.

Zehn Sekunden später schien es, als hätte er wieder vollkommen vergessen, dass ich anwesend war. Mir fielen seine schönen Hände auf, als er Seite um Seite umblätterte. Die Finger waren lang und kräftig, die Nägel sehr gepflegt. Kein Ehering. Ich spürte ein seltsames Kribbeln im Bauch und sah weg.

Das war doch geschmacklos. Ich saß hier und wartete, dass man mir irgendwas zum Ableben meines Vaters erzählte, und schmachtete währenddessen den Anwalt an.

Auf einmal hob er wieder seinen Blick, lehnte sich in seinem Sessel zurück und betrachtete mich aufmerksam. Ein leichtes Lächeln grub sich in seine Mundwinkel, welches die Augen jedoch nicht erreichte, folglich auch nicht echt war, und ich kniff misstrauisch meine etwas zusammen.

»Nun«, begann er und faltete seine Hände, »wenn Sie das wünschen, können wir jetzt zur Testamentsverlesung kommen. Sind Sie bereit oder möchten Sie … Verzeihung, darf ich Ihnen etwas zu trinken bringen lassen?«

»Nein, nein. Alles in Ordnung. Wo sind denn die anderen?«

Fragend schaute er mich an. »Entschuldigung?«

»Na ja, ich gehe doch davon aus, dass ich nicht die einzige Angehörige bin, die heute dabei sein wird. Was ist mit seiner Familie? Er war doch sicher verheiratet? Weitere Kinder?«

Wenn er sich darüber wunderte, dass ich nichts von den Lebensumständen meines Vaters wusste, so ließ er sich das nicht anmerken. Zumindest beinahe, denn er zögerte ein wenig zu lange, bevor er antwortete.

Mr. Forrester holte tief Luft, nicht genervt, eher konzentriert. »Nein, Ms. Warren. Ihr Vater war bis zu seinem Tode alleinstehend. Er hat nie wieder geheiratet und auch keine Kinder, abgesehen von Ihnen. Sie sind sein Alleinerbe. Ich dachte, das wäre Ihnen bekannt.«

»Nein, bedauere. Das war es nicht.« Vielleicht hätte mich das erschüttern oder sonst irgendwie berühren sollen, doch ich empfand nichts. Dafür hatte ich ihn einfach nicht gut genug gekannt und immer nur in dem Bewusstsein gelebt, dass er uns verlassen hatte. Ich war ihm schlicht und einfach egal gewesen, und er hatte nichts mit mir zu tun haben wollen.

»Ms. Warren«, sagte er leise, »obwohl ich Ihren Vater gut gekannt habe und er mir von Ihnen erzählte, habe ich bis kurz vor seinem Tod nichts über Ihre Beziehung zueinander gewusst. Darüber hat er nie gesprochen, wohl aber darüber, dass er eine Tochter hat. Natürlich habe ich mich das eine oder andere Mal gewundert, Sie nie zu Gesicht bekommen zu haben, doch ich bin nicht weiter in ihn gedrungen, als mir klar wurde, dass die Sache zwischen Ihnen beiden problematisch ist.«

Ich schnaufte und schlug ein Bein über das andere. »Problematisch? So kann man das wohl kaum bezeichnen. Eher als nicht existent.«

»Ihr Vater war … nun, wie soll ich das sagen? Er war sehr eigen, und wenn er etwas nicht thematisieren wollte, dann tat er das auch nicht. Es hätte keinen Sinn gemacht, ihn dazu zu drängen. Wie auch immer. Ich erwähne das nur, weil ich davon ausgehe, dass Sie überraschen wird, was ich Ihnen jetzt verlese.« Er hob beide Hände. »Selbstverständlich müssen Sie nichts sofort entscheiden. Sie haben ausreichend Zeit, um zu überlegen, ob Sie das Erbe annehmen möchten oder nicht.«

»Hatte er Schulden?«, fragte ich misstrauisch. »Dann vergessen Sie’s.«

Trocken lachte er auf. »Ms. Warren. Wie wäre es mit einem Whisky? Ich könnte mir vorstellen, dass Sie den gleich brauchen werden.«

»Entschuldigen Sie mal, sehe ich vielleicht aus, als hätte ich ein Alkoholproblem? Wir haben nicht einmal fünf Uhr am Nachmittag.«

Er antwortete mir nur mit einem vagen Lächeln.

 

Eine halbe Stunde später hatte ich sogar ein sehr dringendes Bedürfnis nach einem Whisky, der dann auch von der jungen, hübschen Büroangestellten vor mich gestellt wurde. Der Anwalt bedeutete ihr, die Flasche gleich hierzulassen.

Mit einem Zug leerte ich das Glas und stellte es dann lautlos vor mir auf die Tischplatte. »Ich verstehe das nicht«, sagte ich mit schwacher Stimme. »Wieso hat er ein solches Testament verfasst?«

»Seine Beweggründe sind mir nicht bekannt, und es ist auch nicht meine Aufgabe, nach dem Warum zu fragen. Sie sind die einzige Angehörige, und wenn Sie das Erbe ausschlagen … oder sich nicht an die Auflagen halten, wird alles einer Stiftung zugesprochen. Jeder einzelne Cent.«

Ich schluckte. Mir war heiß und ich zitterte dennoch. Ich war verwirrt und furchtbar wütend, dass Jack Warren mich in eine solche Lage brachte. Und das, wo er nicht einmal mehr lebte.

»Mr. Forrester«, sagte ich eindringlich. »Das muss ein Fehler sein. Schauen Sie lieber noch einmal genau nach. Mein Vater und ich hatten kein gutes Verhältnis. Nein, das ist so nicht richtig. Wir hatten gar kein Verhältnis. Für mich war es so, als würde er gar nicht existieren.«

»Offensichtlich haben Sie für ihn sehr wohl existiert.«

»Aber das ergibt keinen Sinn.«

»Ich bin mir sicher, er wird sich etwas dabei gedacht haben.«

»Dieses Testament ist ein Witz. Er will mich zwingen, nach seinen Vorstellungen zu handeln. Will er sich über mich lustig machen?«

Der Anwalt räusperte sich. »Ms. Warren, ich glaube, Sie verstehen immer noch nicht. Wenn er vorgehabt hätte, sich über Sie lustig zu machen, hätte er sicher nicht zweiundzwanzig Millionen Dollar dafür gebraucht. Das wäre mit bedeutend weniger Aufwand auch möglich gewesen.«

»Zweiundzwanzig Millionen …«, keuchte ich.

Er nickte. »Dollar. Ja. Es geht um die Summe von zweiundzwanzig Millionen Dollar. Mit Annahme des Testaments verpflichten Sie sich, den von ihm bis zu seinem Tode geführten Country Club mit Golfplatz nebst Schwimmbad, Fitnesscenter und Restaurant ein Jahr lang zu übernehmen, ohne Verluste zu erzielen. Sei es finanzieller Natur durch Mitgliedschaftskündigungen oder das Image des Clubs betreffend infolge negativer Presse. Die Bilanzen müssen vergleichbar mit denen vom letzten Jahr sein. Wenn Ihnen das gelingt, gehen der Golfplatz, alles, was dazugehört, sein Haus samt Grundstück, das Bargeld und die Aktien an Sie über. Sollten Sie die Bedingungen jedoch nicht erfüllen, erhalten Sie nichts davon.«

»Das ist …« Gierig schielte ich zu der Flasche. Ich brauchte unbedingt mehr Alkohol.

Mr. Forrester erkannte meine Not und goss mir noch einmal ein. Zum Glück besaß er so viel Taktgefühl, keine Bemerkung darüber fallen zu lassen.

»Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Das ist eine Frechheit.«

»Ich kann verstehen, dass Sie aufgewühlt sind. Aber überlegen Sie ganz in Ruhe und fällen Sie keine voreilige Entscheidung.«

»Da gibt es nichts zu überlegen. Bisher bin ich wunderbar ohne sein Geld zurechtgekommen und werde das auch künftig. Da mache ich mir gar keine Gedanken.«

»Die mache ich mir auch nicht. Ich glaube Ihnen gern, dass Sie auf das Geld nicht angewiesen sind. Was soll man auch mit all den Millionen anfangen? Der Aufwand, den das mit sich brächte, wäre immens und …«

»Mr. Forrester«, sagte ich scharf. »Das ist nicht der Moment für geschmacklose Witze!«

»Natürlich nicht. Ich entschuldige mich, gebe aber zu bedenken, dass Sie noch einmal über die Sache schlafen sollten, bevor Sie einen voreiligen Entschluss fassen, der für Ihre Zukunft und die Ihrer Kinder und Kindeskinder entscheidend ist. Glauben Sie mir, die Angelegenheit Ihres Vaters liegt mir am Herzen und ich vertraue seinem Urteil ausnahmslos. Wenn er der Meinung war, Ihnen dieses Erbe anvertrauen zu können, dann hat er sich dabei etwas gedacht. Niemals hat er unüberlegte Entscheidungen getroffen, sonst hätte er nicht solch ein Vermögen erwirtschaftet. Natürlich hatte er auch ein besonderes Händchen für Aktien und Finanzen im Allgemeinen, doch er besaß einen untrüglichen Instinkt. Schlafen Sie darüber, überlegen Sie in Ruhe. Sprechen Sie vielleicht mit einem Menschen, dem Sie vertrauen und auf dessen Rat Sie sich verlassen können.«

»Ich brauche nicht zu überlegen. Meine Antwort lautet Nein. Mit dieser ganzen Sache möchte ich nichts zu tun haben und ich bereue es bereits, dass ich überhaupt hierhergekommen bin.« Ich schüttelte den Kopf. »So eine Zeitverschwendung. Machen Sie damit, was Sie wollen, oder was er wollte, aber lassen Sie mich damit in Ruhe.«

»Wie schon gesagt, im Falle einer Ablehnung ihrerseits geht alles an eine Stiftung.«

»Das ist doch toll. Die werden sich sicher freuen, und er macht gleich noch ein paar Pluspunkte bei dem da oben.« Mit dem Kopf deutete ich Richtung Zimmerdecke. »Hören Sie, ich habe nicht die geringste Ahnung vom Golfen, habe es nie ausprobiert und verspüre auch kein Verlangen nach einem derart versnobten Hobby. Schon beim Gedanken daran muss ich mir das Gähnen verkneifen. Auch wie man ein Schwimmbad, oder was weiß ich, was noch alles zu diesem Club gehört, führt, weiß ich nicht. Die einzige Erfahrung, auf die ich im Gastronomiebereich zurückgreifen kann, ist das, womit ich momentan mein Geld verdiene: das Kellnern. Ich bringe den Gästen ihren Kaffee und wische die Tische ab. Schon jetzt kann ich Ihnen prognostizieren, dass ich versagen würde, und darauf bin ich nicht besonders scharf. Ich habe einen Berufswunsch, und dem werde ich mich mit allen mir vorhandenen Kräften widmen.« Ruckartig erhob ich mich. »Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Ach, und ja, ich werde schlafen wie ein Baby, eben weil ich mich mit diesem Erbe nicht herumschlagen brauche.«